CIRCLE60²Perspektiven
Perspektiven

Was ein KMU wirklich wert ist

Praktikermethode, EBIT-Multiples, Substanzwert — welche Verfahren bei Schweizer KMU angewendet werden und warum sie auseinanderliegen.

Stand 11. September 2026

01

Wert ist nicht gleich Preis

Eine Unternehmensbewertung ordnet Annahmen. Sie liefert keinen objektiv feststehenden Verkaufspreis. Der berechnete Wert hängt vom Zweck, vom Stichtag, von der Datenqualität und vom gewählten Verfahren ab. Der tatsächlich vereinbarte Preis entsteht dagegen in einer Verhandlung. Dabei wirken auch Finanzierung, Garantien, Zahlungszeitpunkt, Konkurrenz unter Kaufinteressierten und die Risikoverteilung. Eine Bewertung ist deshalb eine begründete Bandbreite und kein Versprechen. Das Schweizer KMU-Portal des Bundes beschreibt die Bewertung ausdrücklich als Ausgangsbasis für einen Verkaufs- oder Übernahmepreis. Diese Unterscheidung ist für jede Nachfolgelösung zentral.

Vor dem Rechnen muss der Auftrag geklärt sein. Eine steuerliche Bewertung nicht kotierter Beteiligungen verfolgt einen anderen Zweck als eine Transaktionsbewertung. Auch eine familieninterne Übergabe stellt andere Fragen als ein Verkauf an Dritte. Bei einer Finanzierung interessiert zusätzlich, welche Erträge den Schuldendienst tragen können. Ein sauberer Prozess hält Bewertungsstichtag, Bewertungszweck und Informationsstand schriftlich fest. Der Ablauf einer Unternehmensnachfolge zeigt, an welcher Stelle diese Arbeit in den Gesamtprozess gehört. Sie sollte früh beginnen, aber bei neuen Erkenntnissen aktualisiert werden.

02

Die Praktikermethode richtig einordnen

Die Praktikermethode verbindet Ertragswert und Substanzwert. Das offizielle KMU-Portal des Bundes zur Substanzwert- und Praktikermethode erklärt, dass die Praktikermethode auf dem Ertragswert vergangener Geschäftsjahre und dem Substanzwert aufbaut. Im steuerlichen Kontext dient sie der Bewertung von Wertpapieren ohne Kurswert für die Vermögenssteuer. Grundlage ist das Kreisschreiben 28 der Schweizerischen Steuerkonferenz. Dessen aktualisierte Wegleitung und Kommentar sind auf der Seite der Schweizerischen Steuerkonferenz publiziert. Diese steuerliche Orientierung darf nicht ungeprüft mit einem am Markt erzielbaren Kaufpreis gleichgesetzt werden.

In der Transaktionspraxis ist die Methode trotzdem nützlich. Sie zwingt dazu, Ertragskraft und vorhandene Substanz gemeinsam anzusehen. Ihre Aussage hängt jedoch von den eingesetzten Zahlen ab. Vergangenheitswerte können eine veränderte Zukunft nur begrenzt abbilden. Ausserordentliche Jahre, nicht marktgerechte Inhaberlöhne, private oder betriebsfremde Positionen und einmalige Kosten müssen nachvollziehbar beurteilt werden. Auch die Gewichtung von Ertrag und Substanz beeinflusst das Ergebnis. Eine Fachperson sollte daher offenlegen, welche Fassung einer Wegleitung, welche Normalisierungen und welcher Stichtag verwendet wurden. So bleibt die Berechnung prüfbar.

03

EBIT und Multiples als Marktsicht

Bei einer EBIT-Multiple-Bewertung wird ein bereinigter, nachhaltig erwarteter Betriebsgewinn vor Zinsen und Steuern mit einem Multiplikator verbunden. Das KMU-Portal zur EBIT-Methode ordnet EBIT als Ergebnis vor Finanzergebnis und Steuern ein. Der Ansatz trennt die operative Leistung teilweise von der konkreten Finanzierung und Steuerposition. Vor seiner Anwendung sind jedoch Bereinigungen nötig. Einmalige Erträge oder Kosten, betriebsfremde Positionen sowie nicht marktgerechte Vergütungen können das ausgewiesene EBIT verzerren. Auch Investitionsbedarf, Working Capital und Abhängigkeiten verschwinden durch die Kennzahl nicht.

Der Multiple ist keine universelle Branchenzahl. Er muss zu Grösse, Wachstumsaussichten, Ertragsstabilität, Kundenstruktur, Schlüsselpersonen, Marktposition und Vergleichsbasis passen. Das KMU-Portal zum Multiplikatorverfahren beschreibt Multiplikatoren als Verhältnis zwischen realisiertem Marktwert und einer gewählten Betriebskennzahl. Vergleichsdaten sind nur belastbar, wenn Definitionen und Fälle ausreichend ähnlich sind. Zudem führt die Rechnung zunächst häufig zu einem Wert des operativen Geschäfts. Finanzschulden, überschüssige Liquidität und weitere nicht operative Vermögenswerte sind danach konsistent zu behandeln. Eine ungeprüfte Multiplikation eines einzelnen Jahres-EBIT mit einer übernommenen Zahl ist noch keine tragfähige Bewertung.

04

Was der Substanzwert zeigt

Der Substanzwert betrachtet die Vermögenswerte und Verpflichtungen am Bewertungsstichtag. Ausgangspunkt ist die Bilanz. Buchwerte werden dort angepasst, wo wirtschaftliche Werte abweichen. Stille Reserven, latente Steuerwirkungen, nicht bilanzierte Verpflichtungen und die Werthaltigkeit einzelner Positionen brauchen Aufmerksamkeit. Bei Immobilien, Warenlagern, Maschinen oder Beteiligungen können zusätzliche Beurteilungen erforderlich sein. Das Ergebnis zeigt, welche bereinigte Substanz vorhanden ist. Es sagt allein aber wenig darüber, welche Erträge diese Substanz künftig erwirtschaftet.

Für kapitalintensive oder wenig profitable Betriebe kann der Substanzwert eine wichtige Referenz bilden. Bei einem dienstleistungsgeprägten KMU bildet die Bilanz dagegen Kundenbeziehungen, Organisation, Wissen und eingespielte Abläufe nur beschränkt ab. Solche Faktoren haben nur dann wirtschaftlichen Wert, wenn sie übertragbar sind und künftige Erträge stützen. Umgekehrt ist nicht jede bilanzierte Anlage für den Betrieb gleich notwendig. Nicht betriebsnotwendige Vermögenswerte sollten getrennt betrachtet werden. Eine hohe Substanz führt auch nicht automatisch zu einem gleich hohen Kaufpreis. Veräusserbarkeit, Steuern, Transaktionskosten und operative Notwendigkeit bleiben eigenständige Fragen.

05

Warum die Verfahren auseinanderliegen

Methoden beantworten unterschiedliche Fragen. Der Substanzwert schaut vor allem auf vorhandene Nettovermögenswerte. Ein Ertragswert richtet sich auf erwartete künftige Ergebnisse und deren Risiko. Ein EBIT-Multiple nutzt eine operative Kennzahl und eine aus Vergleichs- oder Marktdaten abgeleitete Relation. Die Praktikermethode verbindet vergangenheitsbezogene Erträge mit Substanz und hat im Schweizer Steuerkontext eine besondere Funktion. Dass die Resultate auseinanderliegen, ist deshalb nicht automatisch ein Rechenfehler. Die Differenz zeigt oft, welche Annahmen den Wert tragen.

Besonders deutlich werden Abweichungen bei schwankenden Ergebnissen, hohem Investitionsbedarf, starker Inhaberabhängigkeit oder bedeutender nicht betriebsnotwendiger Substanz. Auch unterschiedliche Planungen, Risikoeinschätzungen und Bereinigungen verändern das Resultat. Statt einen Mittelwert aus unvereinbaren Zahlen zu bilden, sollten die Parteien die Ursachen erklären. Sensitivitäten helfen dabei. Sie zeigen, wie sich ein anderer nachhaltiger EBIT, ein anderer Kapitalisierungsansatz oder eine andere Behandlung von Nettofinanzschulden auswirkt. Bei einem Management Buyout in der Schweiz kommt hinzu, dass ein rechnerischer Wert durch die finanzierbaren Mittel und den tragbaren Schuldendienst begrenzt sein kann.

06

Ein belastbarer Bewertungsprozess

Eine belastbare Bewertung beginnt mit abgestimmten Zahlen. Dazu gehören mehrere Jahresabschlüsse, aktuelle Zwischenzahlen, Budget und Planung sowie Angaben zu Kunden, Personal, Investitionen, Verträgen und Verpflichtungen. Danach werden Ergebnis und Bilanz normalisiert. Die Fachperson dokumentiert jede wesentliche Bereinigung. Mehrere passende Methoden dienen als gegenseitige Plausibilisierung. Eine Bandbreite mit erläuterten Annahmen ist meist aussagekräftiger als ein scheinbar präziser Einzelwert. Bei der Unternehmensnachfolge in der Schweiz sollte die Bewertung zudem mit Übergabemodell, Finanzierung und rechtlicher Struktur abgestimmt werden.

Die Rollen bleiben getrennt. Die bewertende Person begründet Annahmen und Verfahren. Die Parteien entscheiden über Preis und Vertragsbedingungen. Steuerliche oder rechtliche Folgen brauchen eine eigene Prüfung. Wer einen vertraulichen Austausch zu Ausgangslage und Erwartungen erwägt, findet unter Aufnahme in den Kreis den beschriebenen Zugang. Das ersetzt weder eine unabhängige Bewertung noch eine Due Diligence. Es kann aber helfen, die Fragen vor einem Fachmandat klarer zu formulieren.