Chatham House Rule: Bedeutung und Anwendung
Was die Chatham House Rule erlaubt, was sie schützt und wo ihre Grenzen liegen. Eine nüchterne Einordnung für vertrauliche Gespräche.
Stand 11. September 2026
Definition
Die Chatham House Rule ist eine Gesprächsregel für vertrauliche Sitzungen. Nach der offiziellen Fassung dürfen Teilnehmende die erhaltenen Informationen verwenden. Sie dürfen jedoch weder die Identität noch die Zugehörigkeit einer sprechenden Person oder einer anderen teilnehmenden Person offenlegen. Vereinfacht gesagt bleibt der Inhalt nutzbar, seine persönliche Quelle aber geschützt.
Die Regel wurde 1927 am britischen Institut Chatham House entwickelt und 1992 sowie 2002 präzisiert. Es gibt nur eine Regel, nicht mehrere «Chatham House Rules». Sie darf von Gruppen in jedem Sektor verwendet werden. Eine Sitzung muss weder bei Chatham House stattfinden noch von diesem Institut organisiert sein. Entscheidend ist, dass die Beteiligten vorab wissen, für welchen Teil des Austauschs die Regel gilt.
Was erlaubt ist
Erkenntnisse, Argumente und Informationen dürfen nach der Sitzung weiterverwendet werden. Eine Person kann zum Beispiel eine neue Sicht auf eine Nachfolgefrage intern prüfen oder eine allgemeine Erkenntnis in eine Entscheidung einbeziehen. Nicht zulässig ist eine Formulierung, aus der direkt oder indirekt hervorgeht, wer die Aussage gemacht hat oder welcher Organisation diese Person angehört.
Auch Kombinationen scheinbar harmloser Einzelheiten können eine Person erkennbar machen. Funktion, Branche, Standort und Unternehmensgrösse können zusammen eine Zuordnung erlauben. Eine sorgfältige Anwendung verlangt deshalb mehr als das Weglassen des Namens. In einem Peer Board sollte die Moderation zu Beginn klären, wie mit Notizen, Protokollen, digitalen Werkzeugen und Gesprächen ausserhalb des Raums umzugehen ist.
Was die Regel nicht leistet
Die Chatham House Rule ist nach der Erläuterung des Instituts nicht rechtlich bindend. Chatham House kann Verstösse bei eigenen Veranstaltungen sanktionieren, etwa durch einen Ausschluss. Bei fremden Veranstaltungen liegt die Reaktion beim jeweiligen Veranstalter. Wer rechtlich durchsetzbare Geheimhaltung braucht, muss prüfen, ob eine Vertraulichkeitsvereinbarung erforderlich ist.
Die Regel macht eine Aussage nicht eigentumsfrei und hebt keine gesetzlichen Pflichten auf. Datenschutz, Geschäftsgeheimnisse, Berufsgeheimnisse, arbeitsrechtliche Loyalitätspflichten und börsenrechtliche Vorgaben können unabhängig davon gelten. Ebenso schützt die Regel nicht vor einer Offenlegung, die gesetzlich verlangt wird. Bei konkreten Transaktionen wie einer Due Diligence braucht es regelmässig genauer definierte Zugriffs- und Vertraulichkeitsregeln.
Praktische Anwendung
Eine klare Eröffnung verhindert Missverständnisse. Sie nennt Geltungsbereich, Beginn und Ende der Regel. Sie hält fest, ob Ergebnisse protokolliert werden und wer das Protokoll erhält. Für hybride Sitzungen sind Aufzeichnungen, Bildschirmfotos und der Einsatz automatischer Transkriptionsdienste ausdrücklich zu regeln. Neue Teilnehmende müssen dieselbe Information erhalten.
Die Regel schafft einen Rahmen, aber noch kein Vertrauen. Dieses entsteht durch wiederholte Einhaltung, eine begrenzte Gruppe und nachvollziehbare Konsequenzen bei Verstössen. Im Kontext der Unternehmensnachfolge in der Schweiz können sensible Erfahrungen besprochen werden, ohne sie einer Person zuzuschreiben. Informationen, deren Weitergabe bereits als solche schädlich wäre, gehören dennoch nicht in den Austausch. Hinweise zur Teilnahme stehen unter Aufnahme.